„BilderSprache BilderSturm“ – Erstes Hanauer Frauenmahl am Vorabend des Reformationstages

Mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 bekommt die Pflege und Profilierung protestantischer Kultur besondere Aufmerksamkeit.

Erstmals findet ein „Frauenmahl“ in Hanau statt, und zwar am 30.10.2015. Ausgehend vom Thema des Dekadejahres 2015 „Bibel und Bild“ treffen sich Frauen, um unter der Überschrift „BilderSprache, BilderSturm“ zu gesellschaftlichen Themen unserer Zeit ins Gespräch zu kommen. Historische Erinnerungen klingen darin genauso an wie gegenwärtige Herausforderungen, medientheoretische Ideen wie Aspekte der Gegenwartskunst.

Wesentliche Impulse des Abends gehen von den „Tischreden“ aus, die Thesen für das Gespräch untereinander bei Tisch anbieten.

Frauen in leitenden Positionen aus Religionen, Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft werden jeweils in einer Tischrede individuelle Gesprächsimpulse setzen.

Ihre Mitwirkung haben zugesagt: Marita Natt (Prälatin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck), Dr. Fateme Rahmati (Hochschullehrerin für Ideengeschichte des Islam/ Philosophie, Ethik, Mystik), Susanne Simmler (Erste Kreisbeigeordnete des Main-Kinzig-Kreises), Irena Wachendorff, (jüdische Lyrikerin), Christine Weitbrecht (Expertin für transmedia storytelling) und Dr. Alexandra Weizel (Geschäftsführerin des St.-Katharinen-Klinikums Frankfurt am Main). Musikalisch gestaltet wird der Abend vom Vokalen Frauenensemble feelHarmony und künstlerisch begleitet durch Playing-Arts-Elemente. Moderiert wird das Hanauer Frauenmahl von Silvia Stenger von Radio ffh.

Veranstalterin des Hanauer Frauenmahls ist der Kirchenkreis Hanau. Schirmherrin ist Dekanin Claudia Brinkmann-Weiß in Hanau.

In der Christuskirche Hanau (Akademiestraße 7) werden die Tischreden ab 18.30h im festlichen Rahmen eines mehrgängigen Essens stattfinden.

Die Teilnahmegebühr beträgt (incl. Essen/ Getränke) 35 Euro und ist mit der Anmeldung zu überweisen.
Schriftliche Anmeldung (mit Angabe von Postadresse, Kontaktdaten und Berufsbezeichnung) bitte per Fax an 06183 – 1061 oder Mail an: Frauenmahl-hanau@web.de.

Die Anmeldung ist erst verbindlich nach Geldeingang auf das Konto: Kirchenkreis Hanau, Evangelische Bank eG, Kassel, IBAN: DE39 52060410 0001800108, BIC: GENODEF1EK1; Verwendungszweck: Hanauer Frauenmahl.


Zum Hintergrund:
Seit Ende 2011 finden im Umfeld des Reformationstages deutschlandweit Veranstaltungen statt, in denen Redebeiträge und Diskussionen über die Zukunft der Kirche mit einem gemeinsamen festlichen Essen verbunden werden. Damit wird eine Tradition aus dem Hause Luther aufgegriffen und für die heutige Zeit neu akzentuiert: Damals wurden in geselliger Runde bei Tisch neben Persönlichem und Alltäglichem Impulse und Themen der Reformation diskutiert, die später als sogenannte „Tischreden“ gesammelt und veröffentlicht wurden. Sie sind zu einem anregenden Kulturgut geworden.
Mit dem Fokus auf Frauen als Tischrednerinnen und Teilnehmerinnen deutet die evangelische Kirche zum einen auf die großen Veränderungsprozesse, die sie bis heute durchlaufen hat, weist aber zugleich auch mahnend auf bestehende Ungleichverteilung öffentlicher Aufmerksamkeit hin.

Jede Sprache ist Bildersprache

Tischrede von Dr. Christine Rädler (Zentrum für Regionalgeschichte im Main-Kinzig-Kreis)

  • In meiner täglichen Arbeit bin ich auch mit den Flüchtlingsfragen konfrontiert
  • Doch nicht nur das, es ist ein Thema, das mich darüber hinaus beschäftigt, auch in meinem Privatleben, auch als Bürgerin dieses Landes, dieser Stadt
  • Ich lebe gern hier, hier ist meine Heimat, hier leben meine Familienangehörigen, meine Freunde
  • Die Vorstellung hier einmal nicht mehr leben zu können, weil ich mich bedroht fühle, Angst haben muss um das Leben meiner Kinder, versetzt mich in die Lage, zu verstehen, was die meisten Menschen bewegt, die jetzt zu uns kommen
  • In diesem Zusammenhang, in dieser aktuellen Situation sind es viele Bilder, die uns alle bewegen und berühren
  • Eines möchte ich zum Anlass nehmen, dass Sie alle kennen und sofort vor Ihrem geistigen Auge haben werden
  • Es ist das Bild, des kleinen ertrunkenen Flüchtlingskindes
  • dieses Bild ging um die Welt und wurde zum Mahnmal
  • Sie kennen die Geschichte des Jungen und seiner Familie aus den Medien
  • Wir werden mit vielen Bildern konfrontiert, die Menschen auf der Flucht zeigen, alle machen sie uns betroffen
  • Und doch hat dieses Bild mehr ausgelöst
  • Es gab viele Diskussionen, insbesondere unter Journalisten darüber, ob man dieses Bild abdrucken solle, ob damit die Würde des Kindes nicht verletzt werde
  • Das Bild und der Anblick des Kindes sind schwer zu ertragen, gleichzeitig steht es für das Versagen Europas in der Flüchtlingskrise und so entschieden sich die Medien dafür, ihre Leser und Leserinnen damit zu konfrontieren
  • Niemand der das Bild sah, blieb davon unberührt
  • es führt uns vor Augen, dass die Katastrophen, die sich seit Monaten und Jahren im Mittelmeer ereignen, ganz nah sind
  • Auf der einen Seite ein Bild, das große Emotionen auslöst, auf der anderen Seite löste es eine große Diskussion unter den Medienmachern aus
  • Darf so ein Bild überhaupt gezeigt werden,
  • grotesk wie die Deutsche Nachrichten Agentur (DPA) das Bild einen Tag später verwendete und es dann total verpixelte
  • Es gab einen „Bilderstreit“ über das Zeigen und Veröffentlichen solcher Bilder, schockierende Bilder einer Realität, es geht um die Würde der Menschen
  • und doch ist diese ihnen bereits durch den furchtbaren Tod genommen
  • Es erinnert an andere Bilder, die ebenfalls um die Welt gingen, die des sterbenden Soldaten im Zweiten Weltkrieg oder die Leichenberge in den KZs nach der Befreiung durch die Amerikaner oder die vor den Napalm wegrennenden Kinder in Vietnam
  • Diese Bilder gibt es und sie haben eine Geschichte, sie stehen symbolisch für Unrecht, Grausamkeit und manifestieren sich an einem Menschenschicksal,

 

  • eben auch das des kleinen Jungen
  • Das können Bilder, Fotos erreichen. Eine Bildersprache, die etwas bewirkt, aber auch Streit auslöst
  • Der Bildersturm zur Zeit der Reformation bezweckte auch, das Bilder nicht mehr gezeigt werden dürfen und sie wurden zerstört
  • Es sind die Botschaften dieser Bilder, die Emotionen auslösen und das haben wirklich gute Bilder zu jeder Zeit getan
  • Dafür sind keine Worte nötig, es reicht Bilder auf sich wirken zu lassen, für mich ist das Bildersprache
  • Aber Bildersprache ist auch etwas sehr Praktisches, dann nämlich, wenn wir keine Worte haben für etwas, was wir vermitteln wollen
  • und da bin ich auch gleich wieder bei den Flüchtlingen, die, wenn sie hier ankommen mit uns in kommunizieren wollen und wir mit ihnen und wir keine gemeinsame Sprache sprechen
  • Zur ersten Verständigung mit ihnen setzen die vielen ehrenamtlichen Helfer Bilder ein, das erleichtert den Anfang
  • Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, ich sage das nicht nur, ich setze mich in meiner Arbeit auch dafür ein
  • Beispiel Deutschkurse BIP
  • Und wir haben Kurse für Asylbewerber und Migranten, die wir schnell in Arbeit bringen wollen ( Beispiel Projekt MIA)
  • Hier hat es sich bewährt, dass die Berufsausbilder und Lehrer mit Bildkarten arbeiten, auch das ist für mich Bildersprache
  • Enden möchte ich mit einem Zitat von Wilhelm Busch:
  • „Jede Sprache ist Bildersprache“

Big Sister. Jenseits der Bilder

Bilderflut 

Playing Artist Annegret Zander zu ihrer Performance im Rahmen des Hanauer Frauenmahls

Ein Bilder-Thema in einer bilderlosen Kirche

Frauenmahl zum Thema „BilderSprache, BilderSturm“ in der Christuskirche in Hanau. Eine hallenartige Kirche aus den 1950er Jahren, meterhoher weiß gestrichener Backstein – bilderlos. Bis auf zwei abstrakt gehaltene Antependien von Hilde Heyduck-Huth.

Ich finde die Kirche grandios, sie atmet Freiheit und Wärme. Zum zweiten Mal wird hier gegessen. Ein guter Ort zum Essen, zur Begegnung der kulturellen und spirituellen Diversität, die in diesem Viertel rund um die Akademiestraße besteht. Die Menschen sind die lebendigen Bilder in dieser Kirche. Vielleicht war es einmal so gedacht.

Außen vor und mittendrin

Da sitze ich nun auf meinem Schiedsrichterstuhl, vom Tennisplatz herbeigetragen, 3 Meter hoch, noch höher eigentlich, direkt neben dem erhöhten Altar. Eine Art Klappleiter mit orangen Plastiksitz. Was für ein „readymade“ Objekt in einer Kirche.

Außen vor und mittendrin. ein Beobachtungsposten, den ich nur gelegentlich verlassen werde, mit 50 m – Rolle Architektenpapier und Filzstift ausgestattet, um 3 Stunden lang Bilder zu produzieren.

BIG SISTER

I SEE YOU

I SEE YOU

I SEE YOU

Ich habe alle und alles im Blick. Zwischen kritischem Beäugen und liebevoller Beobachtung. Eigentlich aber Interesse, wie schon so lange: Was ist das für ein Gesicht, wie kann ich diese Nase einfangen, wie eng stehen die Augen. Ich bin fasziniert von der Vielfalt der Frauen. Tauche ein in die Flut der Gesichter vor mir. Die Menschen sind die Bilder.

BilderFluten

ICH TAUCHE EIN

TAUCHE TIEFER

DIE AUGEN GESCHLOSSEN

Während die Rednerinnen Fateme Rahmati und Christine Rädler links von mir die Flüchtlingsbilder der vergangenen Wochen heraufbeschwören, drängen die geflüchteten Frauen aufs Bild. Schieben sich vorwärts, Alte, Mütter, Mädchen, lassen sich nicht aufhalten. Ich sehe sie so deutlich, dass sie wie von selbst aufs Papier strömen. Und schließlich auch der Junge, der am Strand von Antalya ertrank, den ich mir nie hatte ansehen wollen, den mir eine Frau schließlich doch vor die Augen schob, ich hatte ihn nicht sehen wollen, weil er mich zu sehr berührt und nun ist er doch da und auch er drängt sich auf die Meter und Meter von Papier die sich von meinem Ansitz herab ergießen. Längst tanzt der Stift von selbst, als hätten die Bilder nur darauf gewartet, endlich heraus zu dürfen. Zu lange in Schichten abgelegt, drängen sie sich zwischen die anwesenden Frauenkörper.

JENSEITS DER BILDER

DIE LINIE

DIE NIE ABREISST

Gott sieht sich selbst im Spiegel, sieht ihre Schönheit. Hat Frau Rahmati das eben wirklich gesagt? Sie hat als einzige ein Bild mitgebracht. Aus dem Mittelalter. Ich werde es nie sehen. Doch es sprengt mein Bild vom Islam. Poetisch liebevoll. Natürlich: So viele Namen für Gott. Ein Kosen meiner Hand auf dem Papier, ein Berührtwerden, das die Bilder auflöst, immer freier der Strich immer offener die Linie und ein Spüren, dass die Bilder von Alters her in den Seelen liegen, ganz ohne Worte

BILDER GOTTES

AUFGELÖST

TRAGEND

 

Annegret Zander, Pfarrerin, Playing Artist, Bloggerin

totenhemd.wordpress.com

blog-zweite-lebenshaelfte.de

Von Vorbildern und gesunder Respektlosigkeit

Sehr geehrte Damen,

die Anwesenheit von interessierten und interessanten Frauen, die Aussicht auf ein gutes Essen und geistige Nahrung in Form von spannenden Reden.

Was kann man sich mehr wünschen?

Ich freue mich sehr heute dabei sein zu dürfen.

Vielen Dank allen, die zu diesem Abend beitragen.

Marita Natt (Prälatin der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck)

Claudia Brinkmann-Weiß (Dekanin Kirchenkreis Hanau)

Martina Gnadt (Leiterin Frauenarbeit Ev. Kirche Kurhessen – Waldeck)

Pfarrerin Dr. Friederike Erichsen-Wendt

Pfarrerin Katrin Klöpfel

Pfarrerin Heike Käppeler

Tischrednerinnen

Silvia Stenger (Moderation)

Künstlerinnen

Service

Zuhörerinnen

Sie alle schenken uns ihre Zeit. Das ist eine sehr wertvolle Gabe und dafür danke ich ihnen.

Unsere Aufgabe als Rednerinnen, aus verschiedenen Professionen, ist es Sie durch unsere persönlichen Impulse zu Gesprächen miteinander anzuregen.

Wir möchten uns miteinander zum Thema Zukunft von Religion und Kirche, aber auch Gesellschaft in Zusammenhang mit uns Frauen austauschen.

Meine Ursprungsprofession ist die Medizin, auch wenn ich inzwischen in der Verwaltung eines Krankenhauses tätig bin.

Ich lade Sie ein mich auf einer kurzen Zeitreise durch einige Stationen meines bisherigen Lebens zu begleiten. In meiner Vergangenheit haben Menschen die Weichen dafür gestellt wo ich heute bin und wie ich heute denke.

Meine Eltern haben mir nie gesagt: „Das kannst Du nicht“. Sie haben mir die Freiheit gegeben meinen Weg selbst zu finden, auch über Umwege.

Die Gründerin des evangelischen Mädchen – Gymnasiums, das ich besuchen durfte, ist im Widerstand des 3. Reiches umgekommen. Die Frauen, die ihre Arbeit fortgeführt haben, waren großartige Vorbilder für uns Schülerinnen. Im Leben, im Glauben aber vor allem auch im Zweifeln.

Diese Glaubwürdigkeit hat mir immer Sicherheit gegeben.

Dort habe ich gelernt, Missstände nicht zu akzeptieren und mit fundierten Argumenten für meine Meinung einzutreten. Wir haben eine „gesunde Respektlosigkeit“ vor Autoritäten gelernt. Dieses Geschenk habe ich erst viel später erkannt.

In der Facharzt Ausbildung hatte ich das Glück neben meinem Chef, von einer Oberärztin und einer Geschäftsführerin gefördert worden zu sein.

Nicht aufgrund der Tatsache, dass ich eine Frau bin. Das reicht nicht. Sondern aufgrund der Tatsache, dass sie gesehen haben, dass ich willens bin, Leistung zu bringen und Verantwortung zu übernehmen.

Parallel zum Facharzt habe ich mich betriebswirtschaftlich weitergebildet, da absehbar war, dass die Medizin eine ganz neue Richtung einschlägt. Kosten und Erlöse traten und treten immer weiter in den Vordergrund (aber das ist ein anderes abendfüllendes Thema).

Trotz dieser zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen, ist die Kraft, die mich im Beruf und im Privatleben treibt, nach wie vor meine Berufung zum „Heilen“. Eine wundervolle Ergänzung für meine jetzige Tätigkeit habe ich hier durch die Ausbildung als Mediatorin erhalten.

Ich war viele Jahre als Ärztin in der Klinik und Notärztin auf der Straße unterwegs. Viele Situationen sind mir im Gedächtnis geblieben.

Zwei davon möchte ich mit Ihnen teilen, bevor ich Sie in meine heutige Welt als Geschäftsführerin mitnehme.

Als junge Ärztin in unserem Krankenhaus hatte ich das Glück, auf fast jeder Station noch eine Ordensschwester zu haben. (Na ja, das war auch nicht immer ein Glück).

Mitte der 80er Jahre kamen die ersten Patienten mit HIV oder AIDS zu uns. Wir sind ein Krankenhaus mit Infektionsstation. Damals war HIV oder AIDS noch ein Todesurteil für den Patienten und statt Wissen bewegte sich vieles im Reich der Hypothesen und Ängste. Der Umgang mit den Patienten  war entsprechend schwierig für uns.

Unsere Ordensschwester auf Station hat uns allen vorgelebt, wie man mit diesen Patienten auf eine gute Art respektvoll umgehen kann. Sie hat uns im wahrsten Sinne des Wortes „an die Hand“ genommen.

Der Umgang mit Sterbenden ist gerade für junge Kollegen immer eine Herausforderung. Ich werde nie die Woche vergessen, in der ich fünf Patienten nacheinander verloren habe. Und ich habe das damals genauso gefühlt, ich hatte sie verloren. Erst da habe ich verstanden, dass eine 30%ig Mortalität im Lehrbuch heißt, dass 3 von 10 meiner Patienten daran sterben werden.

Auch hier hatte ich gute Vorbilder in Kollegen, aber gerade die Ordensschwestern hatten, auf eine nicht akademische Art, Verständnis für meine Verzweiflung. Sie haben mir sehr geholfen, das Thema Sterben nicht als Versagen des Arztes, sondern als zum Leben gehörig zu akzeptieren.

Heute bin ich als evangelische Ärztin (Frau!) Geschäftsführerin eines katholischen Krankenhauses.

Als Geschäftsführerin fühle ich mich verantwortlich für fast 20. 000 Patienten im Jahr, ca. 650 Mitarbeiter und 47 Mio. Euro Budget.

Um es auf den Punkt zu bringen.

Wir sind ein mittelständischer Wirtschaftsbetrieb, aber unsere „Kunden“ sind Patienten und deren Angehörige.

Und damit sind wir mitten in meinen täglichen beruflichen Herausforderungen:

Wenn jemand ein Photo von meinem Alltag machen würde, was würde er um mich herum sehen?

Männer!

Eine der für mich immer wieder neu zu lösenden Fragen ist diese:

Wie setzte ich mich als Frau in einer männerdominierten Branche durch, ohne mich zu verbiegen?

Hier sind wir als Frauen in Wirtschaft und Kirche wahrscheinlich alle mit den gleichen Fragen konfrontiert.

Gibt es eine weibliche Art an die Spitze zu kommen und zu führen?

Ich denke ja.

Wollen wir das überhaupt?

Hier habe ich manchmal Zweifel.

Warum sind Frauen weniger vertreten in den „höheren Positionen“?

An ihrer Eignung kann es nicht liegen.

Eher vielleicht an der Weigerung die Spiele auf dem „Weg nach oben“ mitzuspielen.

Wenn Sie in sich gehen, werden bei Ihnen wahrscheinlich auch zwei Bilder von Frauen in diesen Positionen vor dem geistigen Auge auftauchen.

Diejenigen, die ein „besserer Mann“ sind oder diejenigen, die mit weiblichen Reizen zu punkten.

Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen aber sagen, es geht auch anders.

Oft erlebe ich, dass Frauen vor Verantwortungen zurückschrecken und die Positionen oder Projekte von zumindest nicht besser qualifizierten Männern freudig angenommen werden.

Aber wer bremst uns Frauen?

Sind das immer die Männer, wie gerne behauptet wird?

Aus meiner Sicht: Nein!

Oftmals sind wir es selber oder andere Frauen, auch im Kleinen.

Eine kleine Anekdote aus unserer Gemeinde:

Auf meinen Impuls in der Gemeindeversammlung, einen Kreis für Frauen zu schaffen, die sich ohne Rechte und Pflichten austauschen können, bekam ich von einer Frau zur Antwort: „Sie können mittwochs basteln kommen.“

Leider bin ich bei solchen Themen häufig etwas unreflektiert und die Antwort flog von der Lunge auf die Zunge unter Umgehung des Kontrollzentrums meines Gehirns:

„Ich will nicht basteln!“

Meine Familie ist vor Lachen fast unter den Stühlen verschwunden, der Rest der Versammlung war erst mal betreten.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen basteln und backen.

Aber ich habe ganz entschieden etwas dagegen, darauf reduziert zu werden als Frau.

In der Klinik passieren mir solche Dinge inzwischen übrigens nicht mehr. Organisationen sind also durchaus lernfähig.

Ein weiteres Thema:

Wie verbinde ich konfessionelle Trägerschaft mit Bestehen in einem marktwirtschaftlichen Umfeld?

Der Anspruch an Einrichtungen, die mit Kirche zu tun haben, sind in der Wahrnehmung der meisten Menschen ganz andere als an privatwirtschaftliche Organisationen.

Kirche als Arbeitgeber wird oft gleichgesetzt mit laxer Handhabung von Pflichten und Rechten. Da aber auch bei uns alle am Ende des Monates Gehalt haben möchten, geht das so natürlich nicht.

Woran ich gemessen werden möchte, ist ein höherer moralischer Anspruch an unsere Arbeit.

Bei uns wird z.B. kein akut erkrankter Patient nicht behandelt, weil er nicht versichert ist (wie das in einigen Krankenhäusern heute an der Tagesordnung ist).

Welches Bild habe ich im Kopf wenn ich an größere Organisationen denke? Hier unterscheidet sich Wirtschaft und Kirche meiner Wahrnehmung nach nicht.

Zähe Prozesse, Ideen, die totgeredet werden, viel „das haben wir doch schon immer oder noch nie so gemacht“. Und diese Sprüche kommen weiß Gott nicht nur von Personen, denen man sie aufgrund ihres Alters vielleicht noch zugestehen würde.

Oder das leicht gezwungene „ja, ja“.

Alle, die ungefähr in meinem Alter sind, kennen wahrscheinlich die Comics mit Werner und wissen was die Antwort „ja, ja“ bedeutet. Denen, die es nicht wissen, erklären wir es gerne außerhalb des Protokolls.

Oder einer meiner absoluten Favoriten: „Das geht nicht“. Hier erzähle ich dann gerne die Anekdote, dass Hummeln theoretisch nicht fliegen können.

Zu schwer, zu kurze Flügel. Das hat ihnen aber keiner gesagt. Deshalb fliegen sie einfach.

Eine der schlimmsten Formen der Verneinung ist die Verschleppung. Ich gestehe, dass auch ich häufig keine Lust mehr habe, eine Idee tausendmal zu verteidigen.

Hier kann ich allerdings Mut machen.

Je weiter oben man in der Hierarchie steht, desto mehr Einfluss hat man auf viele Prozesse.

Was macht mich nachdenklich?

Wenn Sie heutzutage jemanden schockieren wollen, müssen Sie sich ja wirklich etwas einfallen lassen.

Ich empfehle folgendes: Erzählen Sie einfach, dass Sie regelmäßiger Kirchgänger sind.

Die positivsten Antworten daraus sind: Wie? Sie sind doch sonst ganz normal.

Interessanter Ansatz, oder?

Wie sehe ich die Zukunft von Kirche, Religion, Gesellschaft und uns Frauen?

Wie kommen wir jetzt voran?

Wenn wir Reformation als Erneuerung und nicht als Abschaffung des Bisherigen verstehen, sind wir meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg.

„Tradition ist nicht Bewunderung der Asche, sondern Erhaltung des Feuers“ (Peter Fricke, dt. Schauspieler *1939)

Braucht die Gesellschaft und die Kirche uns Frauen dafür?

Ja, absolut!

Unerlässlich sind für mich Personen, die Vorbilder sein können. Hier ist es manchmal an der „Frauenfront“ noch etwas überschaubar. Auch, weil Frauen häufig zu bescheiden sind, über ihre Erfolge und Strategien zu reden. Hier wünsche ich mir mehr Selbstbewusstsein.

Warum fällt es uns häufig schwer zu sagen:

„Ich bin nicht auf der Position, auf der ich bin, weil ich nur Glück hatte. Ich bin besser ausgebildet als die meisten meiner männlichen Kollegen und ich arbeite kontinuierlich daran, besser zu werden. Und das unterscheidet mich definitiv von vielen anderen.“

Und um es einmal ganz klar zu sagen. Ich finde Männer gut! Ich plädiere nicht für „Alle Macht den Frauen“.

Noch weniger möchte ich eine „Quotenfrau“ sein.

Mein Mann ist mein größter Fan und mein schärfster Kritiker. Meine Kinder sind da auch schon auf einem guten Weg.

Wenn alle ihre Talente einbringen, wird daraus etwas Gutes.

Was kann uns Frauen hier helfen, weiter zu kommen?

Gute Vorbilder (leider gibt es zu diesem Wort keine weibliche Form, das könnte einem ja auch schon zu denken geben).

Ein weiteres Zitat:

„ Für Wunder muss man beten, für Veränderungen muss man arbeiten“ (Thomas von Aquin)

Na dann mal los!

Was können wir von den Männern lernen?

Netzwerke bilden (machen wir ja gerade), sich gegenseitig ermutigen und unterstützen, an manchen Punkten klar die (männlichen) Spielregeln beachten (ich schenke z.B. in Sitzungen nie, nie, nie Kaffee aus).

Ja und ganz wichtig: Auch nach oben wollen!

Noch eine Frage:

Brauchen wir Kirche überhaupt noch?

Ich persönlich kann nur aus ganzem Herzen „Ja“ sagen. Hier kann ich sein, wer ich bin.

Wir haben das unendliche Glück, in einer sehr lebendigen Gemeinde zu sein.

Hier habe ich Menschen gefunden („Berufschristen“ und Laien), die für mich Vorbilder und Freunde sind. Sie sind glaubwürdig fest im Glauben, aber genauso glaubwürdig im Zweifeln.

Sie sind offen, kritisch, humorvoll. Die Basis Kirche gibt uns ein Wertefundament.

Prinzipiell fällt mir auf, dass ich häufig einen guten Kontakt zu Menschen habe, bei denen sich im Laufe der Beziehung herausstellt, dass Sie spirituell orientiert sind, egal welcher Art. Zu diesem Thema gibt es ein sehr schönes Interview vom Journalisten Franz Alt und dem Dalai Lama („Ethik ist wichtiger als Religion“).

Ich sehe unsere besten Chancen darin, selbst Vorbild zu sein.

Wenn wir es schaffen, mit unserer Art zu leben, zu feiern und zu lachen andere auf die Kraft, die hinter einem solchen Lebensentwurf steht, neugierig zu machen, dann haben wir alles uns mögliche getan.

Zum Schluss noch ein Bild:

Es ist Sonntagmorgen. Sie sehen mich in der dritten Reihe der Berger Kirche auf der rechten Seite sitzen.

Wenn es ganz gut läuft, sitzen links mein Mann und unser Trauzeuge und häufig auch unser Pfarrer mit in „meiner“ Bank. Unsere Kinder sitzen bei der Gruppe für den Kindergottesdienst. Auf die Kirche verteilt finden Sie zwischen zehn und zwanzig Menschen, die ich über die Gemeinde kennen – und schätzen gelernt habe. Wir feiern gemeinsam Gottesdienst, singen und beten. Spätestens beim abschließenden Segen bin ich einmal in der Woche richtig glücklich.

Mit dieser Energie starte ich dann in die nächste Woche und versuche das zu leben, wofür ich als Christin stehen möchte.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Zeit.

Die Welt als Spiegelbild und Kunstwerk Gottes

 

 Wie wirkt sich gegenwärtiges Bilderleben auf unser Denken, unser Handeln und auf unseren Glauben überhaupt aus?

Tischrede von Dr. Fateme Rahmati, Hochschullehrerin für Ideengeschichte des Islam/ Philosophie, Ethik, Mystik (Frankfurt am Main)

 

Ich danke Ihnen für die Einladung und das interessante Thema, das mich schon für eine Weile zum Nachdenken gebracht hat. Wir Menschen ertrinken heutzutage in einer Flut der Bilder, ohne es genau zu bemerken – sei es seitens der Medien, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder sogar der Religion mit z.B. Gottesbild, Menschenbild usw. Ich werde hier versuchen, kurz zwei konträre Bilder aufzuzeigen, die uns etwas zum Nachdenken bringen sollen:

 

1. Die Welt als Spiegelbild Gottes

„Die Welt ist ein Kunstwerk Gottes (ṣanʿat Allāh). Durch dieses hat Gott sich in der Welt manifestiert“, wie Ibn ʿArabī (1165-1240), der als Vater der islamischen Mystik bezeichnet wird, es ausgedrückt hat (Ibn ʿArabī: al-Futūḥāt al-makkiyya, Kairo [o. J.], IV, 234, 18).
Mit diesem poetischen Ausdruck bezeichnen die islamischen Mystiker die Welt als die Bühne der „Kunst Gottes“, als den Ort der “Vereinigung des Äußeren und des Inneren“ bzw. der „Zusammenfluss des Sichtbaren und des Unsichtbaren“. Gott wird als der wahre Künstler betrachtet, der sich durch Schöpfung in der Welt – in ihrer Vielfalt – immer wieder manifestiert.
Diese Idee beeinflusst enorm die Literatur und Kunst im Islam seit dem 16. Jahrhundert. Kamaloddīn Behzād (1460-1535), ein berühmter iranischer Künstler, nimmt diese Idee in seinen Miniaturmalereien auf, dessen Werke als „Spiegel der unsichtbaren Welt“ (āīnai-i ġaib) bezeichnet wurden.

Bild Vortrag Rahmati

von dem osmanischen Maler „ʿĀrifī“ (16. Jh.)

Kurz zu diesem Bild:

In der gesamten Geschichte der islamischen Kunst geht kein Bild in einer visuellen Sprache so weit wie dieses Bildnis, um nämlich darzustellen, wie Gott durch den Spiegel der sichtbaren Welt sein eigenes Bild in dieser Welt manifestiert, und zwar unter einem deutlich weiblichen Aspekt. Als Gott sich im Spiegel seines eigenen „Ichs“ sieht, verliebt er sich in sich selbst und möchte sich im Spiegel eines Anderen widergespiegelt sehen. So manifestiert er sich in dieser Welt.
Der verliebte Prinz, der als Symbol für die menschliche Seele steht, schaut verdutzt und versunken in das Erscheinungsbild der Frau, die das Symbol für die Göttlichkeit darstellt. Er sehnt sich in seinem Verliebtsein danach, sich mit ihr zu vereinigen. Dieses Geschehen drückt der Maler dadurch aus, dass der Prinz sich erstaunt vor dem Geheimnis der göttlichen Offenbarung auf die Finger beißt, weil er die Göttlichkeit nicht mehr von ihrem Spiegelbild unterscheiden kann.

 

2. Die Flut der Bilder heute

Dieses wunderbare Bild, das mein Gottesbild und das viele andere Gläubige oder vielleicht uns alle eine Zeit lang geprägt hat, wird nun in Frage gestellt, sobald wir um uns herum die heutigen realen Bilder der Welt betrachten: junge und sogar alte Menschen, die ihre Heimat, ihr Zuhause verlassen; Tausende Kilometer weit in der Hitze und Kälte zu Fuß laufen, um vor ungewollten Kriegen und dem ihnen zugemuteten Elend zu fliehen; in einem Zustand – der kaum menschenwürdig ist – um etwas Sicherheit zu finden oder ein wenig Normalität und Frieden in ihrem schmerzhaften Leben zu spüren. Ich frage mich: Wie könnte die Welt für ein kleines Kind, das ein Leben voller Leid, Angst und Flucht erlebt hat, ein Kunstwerk Gottes sein? Oder für einen Vater, der sein ganzes Hab und Gut ausgegeben hat, um seine Kinder in Sicherheit zu bringen; und dann ertrinken sie in den letzten Minuten der Bootsfahrt – in Lesbos – vor seinen Augen!

Dies alles zu sehen und zu fühlen, ist sehr schmerzvoll. Plötzlich kam mir dann aber ein anderes Bild in den Sinn: das Bild der Erschaffung des Adam von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle – und gleichzeitig die Sure 49, Vers 13 des Koran:

„O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch. Gott weiß Bescheid und hat Kenntnis von allem.“ [49:13]

Wenn wir diese beiden Bilder uns vor Augen führen, heißt es, dass Gott Adam und allen Menschen seine Macht durch seine Schöpfung weitergegeben hat und immer noch gibt. Die Welt wäre tatsächlich ein Kunstwerk Gottes, sofern wir Menschen alle Hand in Hand dafür sorgen und Verantwortung übernehmen würden. Denn diese Vielfalt und die Unterschiede sind der göttliche Plan!
Allein an uns – vor allem an uns Frauen, die mit unserer schöpferischen Kraft als Mutter, Gott am nächsten stehen – ja allein an uns liegt es, in welcher Welt wir leben möchten: in einer Welt als Schrecken für den Menschen und die Menschheit oder in einer Welt der Kunst Gottes.

Wir selbst – jeder einzelne von uns – haben alle Freiheit und Macht, das zu entscheiden und es zu verwirklichen!

 

Wenn das Wort einkehrt und das Bild uns findet

Tischrede von Irena Wachendorff

 

Liebe Gäste, Vortragende und Organisatorinnen dieses Abends,

ich freue mich sehr, heute hier zu sein und meine Gedanken zum Thema „BilderSprache BilderSturm“ äußern zu dürfen.

 

Das Wort „BilderSturm“ hat viele Assoziationen in mir ausgelöst. Als erstes kam mir der reformatorische Bildersturm in den Sinn: Ein Sturm auf Abbilder in kirchlichen Räumen, dem Gemälde, Kirchenfenster sowie auch ganze Altäre zum Opfer gefallen sind. Dies wurde unter den Anhängern von Calvin und Zwingli verschieden streng gehandhabt und durchgeführt, doch sind uns viele wertvolle Kunstschätze durch diesen Bildersturm für immer verloren gegangen. Auslöser war das 2. Der 10 Gebote Mose:

 

„Du sollst dir kein Bildnis machen“

 

Jedoch finden sich zahlreiche Stellen im AT, die im Bezug zum Menschen von einer Gottesebenbildlichkeit ausgehen…auf Hebräisch „tzälöm elohim“ , auf Lateinisch „Imgago Dei“ , wonach der Mensch als Gottes Abbild geschaffen wurde. Jedoch erwuchs daraus auch die Furcht vor der „Vermenschlichung Gottes“, die der Philosoph Ludwig Feuerbach in seiner Projektionstheorie so darstellt, als erschaffe sich der Mensch einen Gott nach dem eigenen menschlichen Ebenbild.

 

Der jüdische Philosoph der Neuzeit, Leo Baeck, Reformjude, sieht diese Gefahr in diesem Sinne nicht gegeben. Er beruft sich auf Genesis 1, 26

 

Dann sprach Gott: “Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild.“

 

Daraus leitet Leo Beck eine Parallelität zwischen Gott und dem Menschen ab, in der Gott auch im Menschen sei. Jenes „Göttliche im Menschen“ schenke dem Menschen erst seine Würde.

 

In diesem Sinne reichen sich Gott und Mensch zu einem spirituellen Miteinander die Hände. Dies Bild finden wir sehr eindrucksvoll verwirklicht in dem Gemälde der „Erweckung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle.

 

In der Literatur schenkt uns die Gattung des Gedichts eine wunderbare Symbiose von Worten und Bildern… Bilder, die erst durch das Wort entstehen können. Im AT ist das „Hohelied Salomos“ eines der schönsten Beispiele von religiöser Lyrik. Doch ist es das Wesen von Lyrik allgemein, dass das Wort, das uns erreicht, ins uns die Bilder erweckt, die uns beseelen, beglücken, betrüben aber auch verstören und verängstigen können, gemessen an der Kraft, die dem Worte zu eigen ist und unserer eigenen persönlichen Imagination.

 

Woher jedoch kommt diese Furcht vor den bildlichen Darstellungen des Göttlichen und die Bedenken, das göttliche Wort könne durch das Bild an Kraft verlieren, schlimmer noch, verfälscht werden? Und ist diese Furcht berechtigt?

 

Bei der Erforschung der Abläufe im menschlichen Gehirn hat man herausgefunden, dass das Bild vor dem Wort  in unserer Wahrnehmung ankommt. Unser menschliches Gehirn nimmt ein Bild innerhalb von 1-2 Sekunden wahr. In dieser Geschwindigkeit kann kein Satz gelesen werden. In diesem Sinne kommt das Bild vor dem Wort. Es kommt sogar gänzlich ohne das Wort aus und prägt sich länger und tiefer als Worte in unser Gedächtnis ein.

 

So gesehen besteht die enorme Größe des göttlichen Schöpfungsaktes auch darin, kein Bild vor dem Wort zu haben, sondern durch das Wort allein eine sichtbare, bildliche und ergreifbare Welt zu erschaffen, gleich eines singulären, lyrischen Aktes, denn „am Anfang war das Wort“ und so wird nie das Bild stärker sein können als das göttliche Wort, da es ihm nachfolgt. In uns entstand jedoch die Sehnsucht nach dem Bild wie das Echo auf das Wort.

 

War nun der Mensch früher auf Kunstmaler, Bildhauer und Schnitzer angewiesen, um ein Abbild betrachten zu können,  welches nicht der Veränderung unterworfen ist, welches den Moment festhält und ihn verbildlicht, tat sich mit der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts eine bahnbrechende Möglichkeit auf, Abbilder zu produzieren.

 

Mit dem Einzug des digitalen Zeitalters, der virtuellen Totalvernetzung erscheint es nun so, als erstürmten die Bilder uns. Aus der Fähigkeit und Möglichkeit wurde eine unbändige Flut… Wer kennt sie nicht: Das Flugzeug, das in einem der Zwillingstürme explodiert, der kleine ertrunkene Flüchtlingsjunge kopfüber liegend im Flutsaum, die Steinwüsten zerbombter Städte, Der ISIS-Terrorist mit Schwert in der Hand neben einem knieenden Opfer, ein Schlauchboot verloren im Meer treibend, randvoll gefüllt mit verzweifelten Menschen…eine unendliche Reihe allein aus jüngster Zeit… Sie lösen in uns Verzweiflung, Trauer und Angst aus. Manche Bilder konfrontieren uns auch mit Ekel, Abscheu und Wut. Mittlerweile verkümmert die Information und der Sachverhalt zu dem Bild, welches wir erblicken, zu einer Nebensache. Eines der größten deutschen Tagesblätter nennt sich sogar genau nachdem, was es uns täglich beschert: „Bild“

 

Wenn die Information über das Wort aber zur Nebensache wird, sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Die vielen Bilder dringen in uns ein, überlagern sich und manifestieren sich in uns, ohne eine entsprechende Möglichkeit anzubieten, mit der wir sie verarbeiten können. Wir finden in der Fülle und dem Andrang keine Ruhe mehr und haben keinen Raum mehr in uns, in diesem wir unseren eigenen Überlegungen nachgehen können. Und was geschieht mit den Fragen, die nicht gestellt werden, die nur ein Gefühl des Unwohlseins im Unterbewusstein fristen. Was geschieht mit unseren eigenen Bildern? Wie kommen wir zu einem eigenen Standpunkt bei dieser Überflutung? Wie beeinflusst das unser Handeln? Können wir noch authentisch sein?

 

Vielleicht sollten wir uns von Zeit zu Zeit dem „Bildersturm“ widersetzen, indem wir uns eine Pause gönnen, damit so wieder Raum für unsere eigenen Gedanken, Worte und Bilder in uns wachsen kann. Wir könnten unseren Träumen nachgehen, auf dem Pfad der Muße wandeln, dem wieder Heimat geben, was wir lange schon vergessen wähnten, die Musen suchen,  vielleicht einmal das „Hohelied Salomo“ aufblättern oder Korinther 13 oder einfach zu einem Gedichtband greifen, das Wort einkehren lassen und das Bild dazu in uns finden.

Tischrede I

„Bilder geben unseren Toten ein Gesicht“. Dieser Gedanke stammt aus der Tischrede von Prälatin Marita Natt. Die Prälatin ist die theologische Stellvertreterin des Bischofs unserer Kirche. Die Kirchenfrau kam zum Dessert dran – und nun soll die letzte Rednerin die erste Tischrede sein, die wir im Blog zur Diskussion stellen. Weil der nahende Ewigkeitssonntag an ein Gedenken erinnert, das uns Bilder der Toten vor Augen stellt. Welches Bild aus dieser Rede hat Sie am meisten angesprochen?

Nach köstlichem Mahl und wunderbarer Musik, mit Schokoladen- und Aprikosengeschmack auf der Zunge, nun also zu später Stunde die letzte Rede von einer Kirchenfrau:

„Hanna hat die Welt im Kopf“ das ist der Titel eines Kinderbuches, der mir spontan zur ersten Hälfte des Leitthemas unseres heutigen Hanauer Frauenmahles eingefallen ist. Die Welt im Kopf haben, das ist möglich, weil Tausende von Bildern in unserem Gehirn gespeichert sind, Bilder, die wir jederzeit abrufen können. Wenn Sie die Augen schließen und an Ihren Lieblingsurlaubsort denken, sind in Nullkommanichts die Bilder da: von Meer und Palmen, von Bergen und Seen, von Museen, von Pyramiden, von allem, was immer Sie in diesem oder vergangenen Jahren an Eindrücklichem gesehen haben…

Bilder sind ein Geschenk, etwas Kreatives, etwas, das die Seele berührt. Bilder geben Worten Gestalt. Bildersprache weckt Phantasie. Sie lässt Vergangenes gegenwärtig sein. Bilder geben unseren Toten ein Gesicht und uns lebendige Erinnerung.

Es gibt Bilder, die uns wohl tun und Bilder, die schmerzen. Es gibt Kunst und es gibt Kitsch. Der einen gefällt ein Gemälde von Rembrandt oder Cranach, die andere bevorzugt Abstraktes, Provokatives.

Ich bin froh, dass es in unseren Kirchen trotz des nachreformatorischen Bildersturms immer noch einen großen Reichtum an Bildern gibt! Darstellende und Abstrakte. Es gibt eindrucksvolle bunte Kirchenfenster, ältere und moderne. Es gibt großartige Bildzyklen, Fresken und  Skulpturen.

Bildersprache, das ist für den Reformator Martin Luther ein wichtiges pädagogisches Hilfsmittel zur religiösen Erziehung gewesen. Wer nicht lesen konnte, konnte schauen.

Dass das Sehen oft tiefere Schichten anspricht, habe ich als Kind erfahren: Ich hatte Masern. Die Folge waren Fieber, Verdunklung, Weltschmerz! Am Bett saß treu meine alte, unverheiratete Tante, Schwester meines Opas, die mit uns auf dem Bauernhof lebte. Sie sollte bei mir bleiben während der Rest der Familie draußen zu tun hatte. Und sie las mir vor. Aus der Bibel. Ich verstand kein Wort, was am Fieber gelegen haben mag. Dann zeigte sie mir die Bilder dazu – und es liefen ganze Filme in meinem Inneren ab! Von Adam und Eva angefangen über Mose, den Weg des Volkes durch die Wüste, zu Elia, Saul und David begannen die Bilder „laufen zu lernen“. So sausten wir innerhalb einer Woche durch das AT und kamen ins Neue Testament. Da saß Jesus, langhaarig mit Bart, umgeben von Kindern und Frauen, von Kranken und Gesunden. Im Gespräch, als Prediger, auf dem Boot, beim Abendmahl, im Garten Gethsemane, am Kreuz – im strahlenden Licht des Auferstandenen.

Kitschig, würde ich heute sagen. Ganz schwierig! Aber wenn ich ehrlich bin erinnere ich mich noch sehr genau an diese Krankheitstage und die Sprache der Bilder.

Sie haben mir Lust gemacht die Geschichten der Bibel näher kennenzulernen, Theologie zu studieren, Gottesbildern zu begegnen und der tiefen Bedeutung von Jesu Wirken, Leben, Sterben und seinem Auferstehen nachzuforschen. Schön hat F. Steffensky ausgedrückt, was ich damals

empfunden habe. „Warum liebe ich die Bibel“, heißt der Artikel in dem er schreibt: „Biblische Geschichten sind Lebensmäntel, die uns Gott genäht hat und die uns die Toten hinterlassen haben.“ So ein ‚Lebensmantel‘ ist mir damals umgelegt worden und darum bin ich eine Verfechterin der religiösen Kunstwerke in Kirchen und Museen.

Im Sprengel Hersfeld sind sie mir in vielen Gottesdiensten, die ich als Pröpstin besuchen und gestalten durfte in herrlichen alten Barockkirchen begegnet: Da finden sich Adam und Eva mit den Gesichtern früherer Vorfahren auf die Empore aufgemalt, Mose ist erkennbar als Dorfbewohner aus vergangener Zeit. Die Jünger um Jesus: Männer aus der Ortsgemeinde. Die Frauen: Persönlichkeiten, die vor Hunderten von Jahren gelebt haben. Menschen wie Du und ich sind in den Bildern zu glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums geworden. Den Nachfahren kostbar, den Kindern Vorbild.

Heute sehe ich die medialen Bilder derer, die sich auflehnen gegen „das Fremde“, das kommt. Ich sehe die langen Menschenschlangen, die sich durch Wälder, Schlamm und Äcker bewegen, in Booten über das Meer. Und ich erinnere mich an meine Kinderbibel und die Bilder von Mose und den Israeliten. Ich sehe vor meinen inneren Augen die Männer, Frauen und Kindern, die vor Pharao und seinen Soldaten durch das Meer fliehen und denen Gott in einer Rauch- und Feuersäule vorangeht, damit sie das gelobte Land erreichen. Und ich denke: Wie aktuell sind diese Bilder, diese Geschichten! Heute sind es u.a. verfolgte Christen, die vor der IS die Flucht ergreifen. Ihr Schicksal darf uns nicht unberührt lassen!

„Die Bibel bildet unser Herz und unser Gewissen“ hat Fulbert Steffensky gesagt. Sie sei wie eine Lehrerin, die einen nicht da lässt, wo man gerade ist. Wie Recht er hat!

Die Bibel in Bildern ist eine solche Lehrerin, weil sie jenseits der Muttersprache wertvolle Lebensbotschaften vermittelt. Bildersprache ist Verkündigung auf besondere Weise!

Das habe ich bei einer Motorradfreizeit empfunden, die mein Mann in Norditalien geleitet hat. Fresken an der Außenwand einer Kirche haben mich im Vorbeifahren als Sozia so fasziniert, dass alle anhalten mussten: Totentanzdarstellung aus frühester Zeit! An der Außenwand waren sie rund um die Kirche überlebensgroß aufgemalt, weithin sichtbar. Großartige Mahnung!

„Carpe diem“ stand unter der bunten Schar vom König bis zum Bettelmann, die vom Tod zum Tanz geladen waren…

Bildersprache und Bildersturm:

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“, heißt es im 2. Buch Mose und das genügte als Begründung für Bilderstürme im 8. und im 16. Jahrhundert. Zu wenig wurde bedacht, dass es sich dabei um das Verbot der Götzenverehrung gehandelt hat. Der Tanz um das goldene Kalb war gemeint. Bilder allein sind noch keine Götzenverehrung. Sie sind Abbilder. Nicht mehr und nicht weniger. Darstellungen, die nicht zu verwechseln sind mit dem Eigentlichen. Da gilt es achtsam zu sein. Und es ist zutiefst erschütternd, dass fundamental eingestellte Menschen wie die IS den Unterschied nicht beachten. Schätze von unglaublichem Wert sind so in den letzten Monaten zerstört worden. Ein Bildersturm, der weltweit Entsetzen ausgelöst hat, der meines Erachtens dennoch viel zu wenig Beachtung gefunden hat.

Bildersprache in der Kirche. Gottesbilder! Mich faszinieren die alten Sprachbilder der Psalmen. Andere wie Tillmann Moser haben sie abgestoßen, für ihn wurden sie bedauerlicherweise zu „Gottesvergiftungen“ Für mich nicht! Unvergessen ein Urlaub in Dänemark, Halbinsel Fynen, Faaborg:

Eine Augustnacht, die Familie längst schlafend und ich allein im stillen Garten. Urlaubsleicht und empfänglich für die Wunder der Schöpfung. Es war eine Nacht voller Sternschnuppen, mit weißen Wolken, die am Himmel zogen und mit fast vollem Monde.

„Er fährt auf Wolkenwagen und Flammen sind sein Kleid Windfittiche ihn tragen, zu Diensten ihm bereit.“ Im Kirchenchor gesungen und nun mit allen Fasern erlebt. Psalm 104:

„Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich; du fährst auf Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.“

Eine Sprache voller Bilder! Gott, der Schöpfer! Der sich zeigt in Himmel, Erde, Luft und Meer. Gott, der Schöpfer, manchmal nah, manchmal fern. Nicht greifbar. Nicht in ein Bild zu pressen.

Es sind viele Bilder für Gott, die in den Psalmen begegnen: Fels, Burg, König, Schild, Hirte, Quelle, Adler. Mir sind sie alle wichtig. Ich spüre in verschiedenen Lebensphasen ihre Stärke und Aussagekraft und ich weiß:  Gott lässt sich nicht festlegen! Er begegnet auf Wolkenwagen, Windfittichen, im leisen Säuseln, in den offenen Armen des Vaters, der den verlorenen Sohn willkommen heißt, im Trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Er begegnet in vielen Bildern, die Jesus schenkt!

Barmherzigkeit und Freiheit! Das sind entscheidende/entschiedene Gottesbilder, die Jesus vermittelt. Ermutigend und beflügelnd gerade auch in diesen Tagen, in denen viele verstörende Bilder uns überfluten.

Ich brauche solche Bildersprache, um Vergangenes und Gegenwärtiges zu deuten. Und ich bin dankbar, dass es eine Bildersprache gibt, die mir Gott als den Schöpfer allen Lebens vermittelt und die mich ermahnt, meine Grenzen immer wieder neu zu erkennen und zu akzeptieren.

 

Bildersprache ist für mich ein kostbares Kleinod.

Bildersturm trägt in sich die Bedeutung, die alle Stürme in sich tragen: Zerstörung!

Dankbar bin ich für diesen Abend, der uns zum Nachdenken beim Genießen angeregt hat. Mich selbst hat schon der Einladungsflyer begeistert mit seiner Bildersprache:

Buchstaben, Kerzen, Kochtopf, Löffel und Lorbeerblätter!

Was braucht`s der Bilder mehr?!

Mein Appetit ist gestillt auf wunderbare und vielfältige Weise und dafür sage ich „Danke“! Und danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit am Ende eines erfüllten, schönen Abends, an dem eigentlich nur noch „Mr. Sandmann“ und das Vokalensemble eine Bereicherung darstellen kann…

Vielen Dank!

Alle Fotos des Ersten Hanauer Frauenmahls stammen übrigens von Andrea Güthge (www.Guethge.de), die an diesem Abend ehrenamtlich fotografiert hat. Herzlichen Dank dafür!